Michael Manns „Miami Vice“ (2006): eine Neubeurteilung

Was bietet sich zum Start eines neuen Filmblogs als Beitrag besser an als die persönliche Neubeurteilung eines bereits abgekanzelten Films? Dass man seine Meinung über einen Film nach einiger Zeit und nach erneutem Ansehen ändert, ist an sich nichts Ungewöhnliches. Man wird älter, hat neue Erfahrungen und Erkenntnisse gesammelt, man ist tiefer in die Filmgeschichte eingetaucht und hat ein besseres Verständnis von Film entwickelt. Zudem ist die (sowohl persönliche als auch äußere) Situation und – damit einhergehend – die Stimmung, in der man einen Film wiedersieht, vielleicht eine andere. Das Pendel kann dabei in beide Richtungen ausschwingen: So finde ich viele Filme, die ich in meiner Jugend geliebt habe, heute unerträglich. Gleichzeitig gibt es aber auch immer wieder Filme, mit denen ich anfangs nicht so recht etwas anfangen konnte und für die ich erst beim zweiten oder dritten Anschauen Wertschätzung entwickelt habe. Auch die Filmgeschichte ist ja voll von heute als Klassikern angesehenen Filmen, die bei ihrem Erscheinen auf Ablehnung und Unverständnis stießen. Selten aber erlebe ich bei mir eine so extreme Kehrtwende wie vor wenigen Tagen bei Michael Manns „Miami Vice“ (2006).

Regelmäßige Leser meines Vorgängerblogs wissen, dass Michael Mann zu meinen absoluten Lieblingsregisseuren zählt und „Heat“ (1995) einer meiner allerliebsten Filme aller Zeiten ist. Das hinderte mich jedoch nicht daran, „Miami Vice“ als äußerst schlecht anzusehen – eine Meinung, die ich auch zuletzt in meiner Rezension seines jüngsten Films „Blackhat“ (2014) durchklingen ließ. Die Auffassungen über „Miami Vice“ gehen stark auseinander, doch generell gilt der Film mit Colin Farrell und Jamie Foxx in den Hauptrollen als einer von Manns schwächsten. Die allgemeinen Erwartungen an den Film waren vor Erscheinen wohl auch deshalb so hoch, weil Mann als ausführender Produzent der originalen Fernsehserie „Miami Vice“ (1984–1990) maßgeblich für deren einzigartigen Stil verantwortlich gewesen war. Wahrscheinlich konnten diese hohen Erwartungen zunächst nur enttäuscht werden.

Ich selbst habe „Miami Vice“ nicht im Kino sondern erst einige Zeit später bei seiner Erstausstrahlung im deutschsprachigen Fernsehen gesehen. Damals hatte ich einen ganz entscheidenden Startnachteil: Ich kannte die Fernsehserie nur vom Namen her, da ich wohl fünf bis zehn Jahre zu spät geboren wurde. Irgendwie empfand ich den Film damals als langatmig und repetitiv, seine Handlung blieb mir zum Teil unklar. Meine Enttäuschung über Michael Mann war groß.

In den letzten Monaten habe ich ein lange gehegtes Vorhaben in die Tat umgesetzt und mir die originale Fernsehserie mit Don Johnson und Philip Michael Thomas in den Rollen der verdeckten Ermittler Sonny Crockett und Ricardo Tubbs komplett angesehen, was gar nicht so ohne ist, da „Miami Vice“ trotz lediglich fünf Staffeln auf immerhin 111 meist ca. 45minütige Episoden kommt (drei Episoden zu ca. 90 Minuten). Als Abschluss dieses Unterfangens habe ich mir nun auch Manns Film noch einmal zu Gemüte geführt. Beträchtlich war meine Sorge, dass meine Enttäuschung dieses Mal noch größer sein würde. Doch zu meiner wirklichen Überraschung muss ich sagen, dass diese Sorge völlig unberechtigt war! Manns Verfilmung hat mir sogar recht gut gefallen!

Ja, wie üblich legt Michael Mann auch in „Miami Vice“ besonders viel Wert auf die stilistische Gestaltung, die ihm deshalb auch vorzüglich gelungen ist, und die Handlungserzählung leidet demgegenüber oberflächlich vielleicht etwas mehr als sonst. Doch es ist keineswegs so, dass man nicht wüsste, was gerade geschieht bzw. an welchem Punkt in der Handlung man sich gerade befindet. Ein Vorwurf, der gegen den Film immer wieder erhoben wird, lautet, dass er sich im Stil zu sehr von der Serie unterscheide. Das mag stimmen, wenn man sich eine Verfilmung à la „Starsky & Hutch“ (1975–1979 bzw. 2004) mit weißen Leinenhosen und pastellfarbenen Sakkos erwartet, die mehr eine Parodie auf die Achtzigerjahre als eine zeitgemäße ernsthafte Adaption ist. Doch ich finde, dass sich der Film vor allem in Bezug auf ihre Erzählweise ganz im Gegenteil sehr stark an die Serie anlehnt. Ein Vorwurf, den man wohl viel eher machen könnte, ist der, dass die Erzählmöglichkeiten, die Filme allgemein im Gegensatz zu Serien haben, nicht ausgenützt werden. So wirkt Manns Film von seinem Handlungsaufbau her eher wie eine Doppelfolge im Fernsehen, die aus zwei separat ausgestrahlten Episoden besteht. Ich frage mich aber inzwischen, ob dieses scheinbare Manko nicht vielleicht Absicht und als eine Hommage an die Serie zu verstehen ist.

Ein Problem, das ich wie beschrieben zunächst auch am eigenen Leib erfahren musste, ist, dass es ohne die Serie als Basis nicht geht. Der Film macht sich nicht die Mühe, die handelnden Personen vorzustellen, sondern geht davon aus, dass der Kenner der Serie sie ohnedies sofort einordnen kann. Hat man die Serie nicht gesehen, dann verzweifelt man bis zum Schluss darüber, nicht zu wissen, was es eigentlich mit den einzelnen Mitgliedern des Polizeiteams auf sich hat – die Detectives Gina Calabrese und Stanley Switek werden beispielsweise meiner Erinnerung nach den ganzen Film über kein einziges Mal mit ihren Namen genannt! Wer findet, dass ein Film immer für sich alleine bestehen sollte, wird hierüber den Kopf schütteln. Aber muss es denn wirklich so sein? Instinktiv schießt mir zu diesem Thema die James-Bond-Filmreihe in den Kopf, und je mehr ich über „Skyfall“ (2012) nachdenke, desto mehr fallen mir plötzlich Parallelen zu „Miami Vice“ ein.

Michael Mann ist mit „Miami Vice“ einen Weg der Reduktion gegangen, der viele wohl irritiert hat. Aber mithilfe dieses Minimalismus hat er einen Film geschaffen, der sich sowohl stilistisch als auch erzählerisch sehen lassen kann und zugleich eine gelungene Reverenz vor der Originalserie darstellt. Es lohnt sich daher ein zweiter Blick, eine zweite Chance.

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